Selbstdarstellung und Solierklärung des Sarte-Lesekreises im IvI

Der Sartre-Lesekreis hat keinen richtigen Namen und ist keine richtige Gruppe. Dennoch treffen wir uns seit Anfang 2010 kontinuierlich, um gemeinsam Texte zu lesen und zu diskutieren. Auch wenn der Arbeitstitel anderes vermuten lässt, lesen wir im Grunde alle möglichen Texte, die irgendwie mit dem Existenzialismus in Verbindung stehen. Sartres „Überlegungen zur Judenfrage“, Heideggers „Brief über den Humanismus“, Agambens „Marginalien zu den Kommentaren zur ‚Gesellschaft des Spektakels'“, Sartres „Fragen der Methode“ u.v.m. Daneben organisierten wir zahlreiche Veranstaltungen, konzentriert vorallem in den Veranstaltungsreihen „‚Der Gangsterboss des Existenzialismus‘ – Veranstaltungsreihe zum 30. Todestag Jean-Paul Sartres“ Anfang bis Mitte 2010 und „Existentialism revisited“ Anfang bis Mitte 2011, samt einem Nachtrag am Jahresende. Höhepunkte waren insbesondere die Vorträge von Christoph Zwi, Andrea Truman, Roswitha Scholz und Magnus Klaue zu verschiedenen Aspekten des Überthemas Existenzialismus.

Unser Ziel war dabei stets eine kritische Aneignung existenzialistischer Theorien. Ziel war dabei zum einen, das problematische Erbe Heideggers besser einschätzen, zum anderen, die Beziehung seines Denkens zu seinem persönlichen Antisemitismus und seinem Engagement für den Nationalsozialismus besser verstehen zu können. Darüber hinaus interessierte uns, inwiefern es an Heidegger von links anknüpfende Theoretiker, wie eben die Existenzialisten im eigentlichen Sinne (Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir), gelingt, dieses problematische Erbe anzutreten ohne sich unlösbar in seine Probleme zu verstricken. Wir entdeckten, dass der Existenzialismus eine Theorietradition ist, deren Wieder-Aneignung auf jeden Fall lohnt. Sie stellt eine Weise radikal linken, emanzipatorischen Denkens jenseits der bekannten Pfade von (selbst heideggerianischem) Postmodernismus auf der einen, Frankfurter kritischer Theorie auf der anderen Seite dar.

Die meisten unserer Aktivitäten sind auf dem Blog „La vache qui rit“ (http://lavache.blogsport.de) unter der Kategorie „Existenzialismus“ dokumentiert. Sie fanden zum allergrößten Teil im IVI statt. Die Vorträge im großen Saal, der Lesekreis und unsere Filmvorführungen größtenteils seit deren Bestehen in den Räumlichkeiten der translib, mit der wir allgemein kooperierten. Natürlich könnte man diese Aktivitäten auch abseits vom IVI machen – in universitären Räumen, in Privatwohnungen oder anderen vergleichbaren Projekten. Dennoch ist es kaum vorstellbar, dass wir all das ohne das IVI auf die Beine gestellt hätten, dass es anderswo genau so gut funktioniert hätte. Das IVI stellt Arbeitszusammenhängen wie dem unseren extrem unkompliziert und noch dazu völlig kostenlos die „Hardware“ zur Verfügung, ohne die theoretische Arbeit überhaupt nicht funktionieren könnte – von zahlreichen gut ausgestatteten Räumlichkeiten, Möglichkeiten, Bücher zu lesen und auszuleihen, technischer Ausstattung (Beamer, Kopierer) bis hin zu Getränken. Nicht zuletzt hat uns das IVI mehr als einmal Geld ausgelegt, das wir sonst kaum hätten auftreiben können.

Doch das IVI hat weitaus mehr als diese pragmatische Funktion. Die offene, plurale Atmosphäre des IVI ist einfach ideal für Arbeitszusammenhänge wie den unseren. Man ist einfach nie für sich, abgeschottet in einem Seminarraum an der Uni, sondern, um es mit Sartre und Heidegger zu sagen, In-der-Welt, in einem belebten Raum, der ein Spielfeld unterschiedlichster Ent-Würfe und Weisen der Praxis ist. Das führt auch zu Konflikten und ist nicht immer einfach – mal ist der Raum, den man gerade nutzen will, von einer anderen Gruppe belegt, mal ist er unordentlich, mal platzt einfach irgendwer in ein Treffen und beginnt eine kontroverse Grundsatzdiskussion. Doch das macht in unseren Augen gerade die Authentizität des IVI aus. Es ist nicht gleichgültig, wo Theorie ihren Ort hat, ob sie an einem von der Umgebung abgeschotteten, relativ geschlossenen, cleanen, von Unaufrichtigkeit beherrschten Ort wie der Uni oder einem chaotischen, weniger satt, sauber, sicheren, offenem Ort wie dem IVI stattfindet. Das IVI lässt sich so geradezu als Beispiel für gelebten Existenzialismus betrachten – genau der richtige Ort, um sich existenzialistische Theorie anzueignen (die doch in ihrem Wesen eine praktische Theorie und eine theoretische Praxis ist, wie insbesondere Sartre mit seinem Begriff des „Engagements“ betonte).

Das IVI ist ein Ort der Öffnung, des Risses, an dem etwas kenntlich wird, das normalerweise verborgen bleibt, selbst wenn es immer anwesend ist. Das Grundkonzept, sich Räume selbst-verantwortlich anzueignen und nach eigenem Ermessen zu nutzen, verweist radikal auf die von Sartre reflektierten Probleme der Freiheit. Wenn plötzlich sonst als selbstverständlich hingenommene Normen nicht mehr einfach befolgt, sondern zur Disposition gestellt werden, geschieht etwas, selbst wenn diese Lücke weh tut und wenn der Prozess der (notwendigen) Etablierung neuer Normen nicht immer einfach ist – etwas das an anderen Orten dieser Gesellschaft wohl selten geschieht, in denen sich Freiheit meist auf eine gebändigte Wahlfreiheit innerhalb eines normativ klar abgegrenzten Rahmens, nicht auf eine ursprünglichere, basalere Freiheit, die jeder Normierung vorausgeht und sie fundamental in Frage stellt. Für diese mitunter schmerzhafte, mitunter sehr positive, da auf die Utopie einer auf Freiheit, nicht auf Zwang gründenden kollektiven Ordnung verweisende, die in sie verstrickten Subjekte auf jeden Fall nachhaltig verändernde Erfahrung einer authentischen Freiheit steht das IVI. Seine Schließung wäre ein weiterer Triumph im Fortschritt in dem, was man, wiederum einen Begriff Heideggers ent-wendend, als „Seinsvergessenheit“ bezeichnen könnte, mit Sartre als kollektive Flucht vor der Freiheit.

Die Frage, die sich aus existenzialistischer Sicht stellt, ist, ob Projekte wie das IVI notwendig zum Scheitern verurteilt sind (da sich keine Ordnung aus Freiheit etablieren lässt), ob man sie im Sinne von Camus‘ Ethik der Absurdität doch immer wieder aufbauen und immer wieder verteidigen muss, oder ob es doch soetwas wie einen Punkt der Realisation der Ordnung aus Freiheit, der Utopie, geben kann, für den sich, auf der Basis von Zentren wie dem IVI, zu kämpfen lohnt.

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