Translib

Seit 2011 wird (zusätzlich zu seiner Bibliothek im 1.Stock des IVI) die neue Studienbibliothek „transLibLab“ aufgebaut, die im Obergeschoss des Instituts (in besonders ruhigen Räumen und bei schönstem Dachterrassenblick aufs Senckenbergmuseum) konzentriert Bestände zur Geschichte und Theorie der sozialen Bewegung und insbesondere der Queerness-Bewegung und Gender-Studies als öffentliche, unentgeltlich nutzbare  Präsenzbibliothek aus selten gewordenen Beständen zur Verfügung stellt.

„transLibLab“ in der Bedeutung von „transitional library + laboratory“ versteht sich konzeptionell als „ein Ort der Auseinandersetzung“ (Judith Butler): Im Rahmen des Selbstverständnisses „das IVI als ein Centro Sociale“ sollen hier in einer dezidiert offenen, nichtdiskriminierenden Atmosphäre selbsttätige, nicht nur akademisch vorgeprägte Formen der Theorien-Aneignung, kritische Reibungen und Kreuzungen von üblicherweise normativ-identitär getrennten und gegeneinander hierarchisch abgegrenzten Denk- und Lebensweisen ermöglicht und in Richtung produktiver theoretischer Praxis für gleichermaßen soziale wie  individuell-polymorphe Emanzipation auflösbar werden. Somit begreift sich die „transLibLab“ als experimentierender Teil einer Institutskonzeption, welche die Normen herrschender Relevanzmaßstäbe (wie: politischer Ökonomie und Geschlechterrollen) als Spiegelverkehrung bestehender „Irrelevanzen“ in Gesellschafts- und Individualgeschichte(n) kritisch erforscht und vergleicht.

Die selbstorganisierte, universitäts- und stiftungs-unabhängige Verwaltung der Bibliothek soll nicht nur eine konkrete Verbindung von Theorie und Praxis durch die studentischen Nutzer_nnen ermöglichen, sondern darüber hinaus vor allem durch den frei zugänglichen Gebrauch  seitens nichtstudierender Besucher_innen für die Entwicklung dieser Verbindung zur Stadt hin Impulse geben.

Von einer solchen Bibliothek als Ort der konkreten Verbindung von Theorie und Praxis kann ein positiver Impuls nicht nur für Studierende, sondern in neuartiger Weise für Kommune und Region ausgehen. Dafür würde bereits die zentrale Zugänglichkeit des IVI als „Centro Sociale“ auf dem geplanten „Kulturcampus“ sprechen.

An dem nicht borniert entlang akademischen Disziplinen arbeitenden Projekt sind mehrere Ehrenamtliche tätig, die derzeit ausgewählte Bestände digitalisieren, die Inventarisierung und Katalogisierung weiterführen sowie Lesekreise, Kolloquien und Diskussionsveranstaltungen in der transLibLab koordinieren.

Siehe hierzu exemplarisch einige laufende Veranstaltungen der transLibLab:

 SPEKTAKELTHEORIE:

Ende September 2011 fand im IVI als erstes Wochenendseminar der dort eingerichteten Studienbibliothek transLibLab der Kritische Kurs „Die Gesellschaft des Spektakels“ statt, der sich drei Tage lang mit den Kapiteln über historische und spektakuläre Zeit in der situationistischen Theorie des Autors Guy Debord (1932-1994) beschäftigte. Diese kritische Theorie findet bisher noch immer vor allem ausserhalb der akademischen Gesellschaftswissenschaften zunehmende Aufmerksamkeit, besonders auf den Feldern der Kunst und ästhetischen Praxis im Rahmen radikaler Kulturkritik im Horizont des „visualistic turn“ und des „spacial turn“ in den gegenwärtigen Umbrüchen urbaner Räume (Konzept der „Psychogeographie“), zumal auch dieses Werk (erschienen 1967), welches unmittelbar die Revolte des Mai 1968 in Frankreich inspiriert hatte, heute als ein Jahrhundertbuch gilt, das hierzulande noch kaum systematisch rezipiert worden ist. Es ist überhaupt das erste Mal, dass ein solches überregionales Seminar in diesem Rahmen ausserhalb der Kunsthochschulszene möglich war. Seine Fortsetzung, demnächst zum Kapitel über „Die Raumordnung“ in der globalen spektakulären Umwelt, sollte auch weiterhin an einem Ort- mit dem Charakter eines Centro Sociale, wie ihn das IVI beansprucht, in Frankfurt am Main möglich bleiben.

 VERDINGLICHUNGS-KURS:

Die Rezeption des Buches „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von György Lukács (1923), das für die kritische Gesellschaftswissenschaft als ein Jahrhundertbuch gilt, ist im Lukács-Jahr 2011 erneut international aufgelebt. Dem möchte eine Initiative im Rahmen der Studienbibliothek „transLib“ durch gründliche, kritische Lektüre zuarbeiten. Der seit November 2011 in dieser Studienbibliothek des IVI zweiwöchentlich stattfindende kritische Lektürekurs geht über den universitären Rahmen hinaus, wird indes von akademisch erfahrenen Kräften angeleitet, so  u.a. durch ein Mitglied der Marx-Gesellschaft; er soll insbesondere nichtakademischen Berufstätigen Zugänge zur kritischen Aneignung dieses schwierig zu lesenden Buches über den Zeitraum von mindestens 1 Jahr erleichtern und zugleich auf der Höhe der aktuellen fachsoziologischen und fachphilosophischen Rezeption, insbesondere was die Theoreme der „Verdinglichung“ betrifft, ermöglichen. Ausserhalb esoterischer fachwissenschaftlicher Studien hat es bislang in den vergangenen Jahrzehnten kein Angebot für einen derartigen öffentlichen, dabei unentgeltlichen und durch qualifizierte Referent_innen moderierten Zugang zu diesem wirkmächtigen Buch, das vor allem auch die Herausbildung der „Frankfurter Schule“ maßgeblich mitgeprägt hat, gegeben.

Um die Unentgeltlichkeit dieses aussergewöhnlichen Kurses weiterhin zu gewährleisten, ohne auf die Einladung ausgewiesener Referent_innen zum Themenkreis sowie zu Filmveranstaltungen etc. in diesem Rahmen verzichten zu müssen, setzt die autonome, universitäts- und stiftungs-unabhängige Durchführung des kritischen Kurses über mindestens 1 Jahr den Weiterbestand der Arbeitsmöglichkeit im Kettenhofweg 130 voraus.

EXISTENZIALISMUS-VERANSTALTUNGEN

Gemeinsam mit den im Sartre-Lesekreis assoziierten Individuen veranstaltete das transLibLab-Projekt ab Januar 2011 die Veranstaltungsreihe „Existentialism revisited“, die gegen Ende des Jahres von „Drei Vorträgen zur Dialektik von Existenzphilosophie und westlichem Marxismus“, gehalten von Roswitha Scholz, Christoph Zwi und Magnus Klaue, ergänzt wurde. Schwerpunkt war dabei eine kritische Auseinandersetzung einerseits mit der deutschen Existenzialontologie Martin Heideggers, andererseits mit den Klassikern des (französischen) Existenzialismus im engeren Sinne (Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir). Weitere Vorträge hielten im Verlauf des Jahres Andrea Truman, Paul Stephan, Emanuel Kapfinger und Fabian Schmidt. Außer den Vorträgen umfasste das Programm zahlreiche Filmvorführungen, Lektüreworkshops sowie einen „Existenzialistischen Kneipenabend“. Wir lasen insbesondere Sartres „Überlegungen zur Judenfrage“ und „Fragen der Methode“ und diskutierten einige Abschnitte von Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“.
Die Existenzphilosophie ist ein geistesgeschichtlich zentraler Theoriestrang, der innerhalb der akademischen Philosophie und erst recht innerhalb des außerakademischen linksradikalen Theoriespektrums gegenwärtig eher ein Schattendasein fristet – er ist in gewissem Sinne „irrelevant“, wobei gerade diese „Irrelevanz“ seine kritisch-subversive Relevanz zu bezeugen scheint. In zahlreichen Debatten erarbeiteten wir uns nicht nur ein besseres Verständnis der Aktualität von Sartres Kritik an Antisemitismus und traditionellem Marxismus, sondern auch des problematischen Erbes der Philosophie Martin Heideggers. Es wurde deutlich, wie sehr zum einen Heideggersche Gedanken, teilweise unwissentlich, auch im linken Diskurs weitergeführt werden, wie klar zum anderen die Verbindungen des Heideggerschen Denkens zum Nationalsozialismus, für den er sich praktisch seit 1933 engagierte, und auch zum Antisemitismus sind, dem er schon vor 1933, trotz seines engen persönlichen und intellektuellen Verhältnisses zu Menschen jüdischer Abstammung wie Edmund Husserl und Hannah Arendt, deutlich Ausdruck verlieh. Eine so offene und mitunter, insbesondere, was die Einschätzung des französischen Existenzialismus aus der Perspektive einer an Marx, Adorno und Lukács geschulten aktuellen kritischen Theorie betrifft, kontroverse Auseinandersetzung wäre in einem akademischen Rahmen kaum möglich gewesen.

http://transmission130.blogsport.de/

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