[Hausprojekt Villa Kunterbunt] Redebeitrag zum IVI

Redebeitrag des Hausprojekts Villa Kunterbunt, verlesen auf einer Solikundgebung am 30.05 in Merseburg (Sachsen-Anhalt):

„Doch das, was zurzeit in der IvI geschieht, ist bereits schon anderen alternativen Zentren und Hausprojekten ergangen. Zu nennen ist hier das Topf & Söhne Gelände, das am 12. April 2001 besetzt und bis zu seiner Räumung am 16. April 2009 verschiedene Projekte organisiert hat. Darunter waren z.B. Vorträge, Infostände und Workshops zur Geschichte des Hauses, welches während der Zeit des Nationalsozialismus Öfen und Krematorien für Konzentrations- und Vernichtungslagern hergestellt hat. Dieses antifaschistische Engagement hatte das Ziel, aufzuklären und gesellschaftliche Arbeit zu leisten, welche durch die Behörden zunehmend behindert wurde.

Ein anderes Beispiel für ein unverständliches Verhalten seitens der Polizei geschah in Hamburg vor 2 Jahren. Am 16.10.10 gegen 17.00 Uhr haben Menschen ein seit 4 Jahren bis auf eine Wohnung leerstehendes Haus besetzt. Der Vermieter versuchte vorher auch noch die letzte Mieterin aus dem Haus zu klagen. Die Besetzer_innen wollten mit dieser Aktion auf den Leerstand von Wohn- und Büroräumen aufmerksam machen. Die Besetzung verlief friedlich, Transparente hingen am Haus, es gab Musik, warme Suppe und Redebeiträge. Die gute Stimmung kippte jedoch sofort als 400 Polizist_innen, 4 Wasserwerfer und Räumfahrzeuge sich auf dem Weg zu dem Haus machten. Die Tür wurde aufgebrochen, der Wasserwerfer kam mehrmals zum Einsatz und Festnahmen folgten. Solche Aktionen sind weder transparent noch juristisch legitim. So gab es beispielsweise bei der Räumung der Liebig 14, einem Wohnprojekt in Berlin, Ungereimtheiten. Eine Räumung wird selbst von dem Bundesgerichtshof untersagt, sofern Untermieter nicht im Räumungstitel genannt sind, was zu der Zeit der Fall in der Liebig 14 war.

Auch das Hausprojekt „Villa Kunterbunt“, wurde seit seiner Gründung nicht von Repressionen verschont. Der Versuch, in Bad Dürrenberg ein alternatives Zentrum zu schaffen, in dem Rassismus, Sexismus und Antisemitismus keinen Platz haben, wird immer wieder erschwert. Auch uns wurde eindringlich klar gemacht, dass eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadt nicht gewünscht ist. Dabei ist in Zeiten, in denen Nationalismus, wie durch die „Du bist Deutschland“-Kampagne, immer stärker wird, in denen Sexismus in Discos, Kneipen und anderen Veranstaltungen überhandnimmt, in denen Menschen nichtdeutscher Herkunft tagtäglich ausgegrenzt und in nahezu allen Bereichen benachteiligt werden, ein Ort notwendiger denn je, in dem sie über gesellschaftliche Zustände reflektieren oder einfach nur abschalten können.

Angesichts der sich verschärfenden prekären Verhältnisse innerhalb des kapitalistischen Normalzustandes erscheint es heutzutage mehr denn je notwendig, Alternativen zu eben diesem zu entwickeln. Ein Versuch, diesen Verhältnissen etwas Emanzipatorisches entgegen zu setzten, kann zum Beispiel die Schaffung und Erhaltung von progressiven Freiräumen sein. Diese sind im besten Fall offen für Alle, indem sie niemanden ausschließen und sich in ihnen zu bewegen für Jede und Jeden erschwinglich ist. Darüber hinaus existiert hier ein Raum für kritisches Denken, welcher im alltäglichen Leben kaum noch vorhanden ist. Eine Symbiose von Theorie und Praxis würde einen Ort erschaffen, in dem kein Platz für Rassismus, Sexismus, Faschismus, Antisemitismus und anderen Übeln der gesellschaftlichen Gesammtscheiße ist. Natürlich sind wir uns im Klaren darüber, dass eine solche Form des Umgangs miteinander nahezu utopisch ist und jegliche Art von linken Freiräumen bisher noch immer in dem einen oder anderen Fall hinter ihren eigenen Idealen zurückgeblieben ist. Daher gilt es, diese Freiräume niemals als abgeschlossenen Prozess zu betrachten, sondern sie immer wieder aufs Neue zu hinterfragen.“

villakunterbunt-bdb.de

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