Die Irrelevanz muss relevant bleiben!

Stand: 6. Juni 2012 (Aktuellisierte Fassung unter :http://ivi.copyriot.com/update-solidaritatserklarung)
Um weitere Unterstützung der Petition wird gebeten. Dazu reicht eine Mail mit Name, Beruf/Tätigkeit und Ort an: ivipetition@okay.ms

Das „Institut für vergleichende Irrelevanz” (IvI) ist seit der Besetzung des leer stehenden Institutsgebäudes im Kettenhofweg 130 ein zentraler Bestandteil der linken Stadtkultur Frankfurts. Es stellt einen einmaligen Knotenpunkt kapitalismuskritischer Politik, alternativer Kunst und Kultur und kritischer Wissenschaft dar, der nicht nur Studierenden, sondern Interessierten aus allen sozialen Milieus offen steht. Hier treffen sich autonom organisierte Lesekreise, es finden Vorträge, Tagungen, Konzerte, Ausstellungen und Partys statt. Zuletzt beherbergte das IvI zwei umfangreiche Bibliotheken. Jedes Semester organisierte das IvI die „Gegen-Uni” zu verschiedensten Themen wie Feminismus, Utopie oder Sexualität.

Mit dem Verkauf an „Franconofurt” steht das IvI nun zur Disposition. Das Vorgehen des Unternehmens in den letzten Tagen hat gezeigt, dass es von seiner Seite aus kein Interesse an einer einvernehmlichen Lösung des Konflikts zu geben scheint. Am Dienstag, den 22. Mai, standen morgens von „Franconofurt” beauftragte Handwerker vor dem Haus, montierten die Tür ab und kappten die Strom- und Wasserversorgung. Zudem versuchten sie erfolglos, sich Zutritt zum Haus zu verschaffen, um besser planen zu können, wie viel „Abfall” es zu entsorgen gäbe. Sie kündigten an, das Haus in 14 Tagen räumen zu wollen. In der „Frankfurter Rundschau” hieß es unmittelbar danach: „Rund zwei Wochen wolle man [„Franconofurt"] den Studenten Zeit geben, dann werde man selbst räumen.” (23. 5.)

 

Dies ist ein in einem demokratischen Rechtsstaat nicht akzeptables Vorgehen. Die Besetzer_innen werden seit 9 Jahren im Haus geduldet und haben dadurch Besitzrechte erworben. Von den Bewohner_innen, die dort ebenfalls seit Jahren leben und deren elementare Menschenrechte wie das auf Privatsphäre hier mit Füßen getreten werden, ganz zu Schweigen. Die Rede von zu entsorgendem „Abfall” lässt zudem befürchten, dass große Teile des Inventars, darunter umfangreiche Buch- und Zeitschriftenbestände und Kunstwerke, einfach weggeschmissen werden und der Öffentlichkeit so für immer verloren gehen. Vorallem aber kann „Franconofurt” nicht „selbst” räumen – das kann nur die Polizei nach gerichtlichem Beschluss. „Franconofurt” wendet Methoden an, die eher an die Mafia als an ein seriöses Unternehmen erinnern und bekennt sich auch noch öffentlich dazu.

Wir, in Frankfurt am Main und Umgebung lebende und arbeitende Wissenschaftler_innen und Künstler_innen, wollen in einer Stadt leben, die sich durch kulturelle Offenheit und Vielfalt auszeichnet und in der die verfassungsmäßig garantierten Rechte aller Bürger_innen gleichermaßen respektiert werden. Die Geschehnisse rund um das IvI zeigen hier einen eklatanten Missstand an. Wir fordern ein engagiertes und schnelles Eingreifen der Stadtregierung, um dem inakzeptablen Treiben von „Franconofurt” ein Ende zu bereiten und das Unternehmen endlich an den Verhandlungstisch zu zwingen. Es muss ein für alle Seiten akzeptabler Kompromiss ausgearbeitet werden, gerade auch angesichts der Tatsache, dass schon der klammheimliche Verkauf des Gebäudes an „Franconofurt” von einem autoritären, unfairen Vorgehen gegenüber den Besetzer_innen zeugte.

Wir wollen, dass das IvI erhalten bleibt. Wenn dies im Kettenhofweg 130 nicht möglich ist, sollen Stadt oder Universität dem IvI ein akzeptabels Ersatzobjekt anbieten, in dem es seine Arbeit wie bisher autonom fortsetzen kann. Ideal wäre es jedoch, wenn das IvI im Kettenhofweg 130 verbleiben könnte. Die Stadt könnte es kaufen und an die Besetzer_innen weitervermieten. Darüber hinaus benötigt das IvI Geld für dringend anfallende Reparaturarbeiten im Gebäude, die es als unkommerzielles, nicht-institutionelles Projekt unmöglich aus eigener Tasche finanzieren kann.

Frankfurt hat eine lange Tradition gesellschaftskritischer Kunst und Wissenschaft. Diese ist insbesondere mit dem Namen Ferdinand Kramer, dem Architekten des Gebäudes, verknüpft. Der Kettenhofweg 130 steht zu Recht unter Denkmalschutz, rs stellt ein Musterbeispiel für Kramers demokratischen Funktionalismus dar. Diese Bausubstanz muss einerseits bewahrt bleiben, andererseits sollte das Gebäude so genutzt werden, dass es diesem Konzept politischer Architektur treu bleibt. Das IvI sehen wir in dieser Hinsicht als idealen Nutzer an, zumal es sich, im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten, in den letzten Jahren vorbildlich und unentgeldlich um den Erhalt des Gebäudes gekümmert hat. Dies sollte der Stadt etwas wert sein – gerade in diesen Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche braucht es Orte wie das IvI, an denen Debatten darüber, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, offen und plural ausgetragen werden können.

Die Unterzeichner_innen

Katja Abzieher, M.A. (Kunstpädagogin; ffm)
Bini Adamczak (Autorin; Berlin)
Wolfram Alster (Autor/Journalist, selbständiger Unternehmer; ffm/Berlin)
Tamer Akkouyn (Sozialarbeiter; ffm/Berlin)
Stefan Beck (Medienkünstler; ffm)
Jesko Bender (Germanist; Goethe-Universität)
Sulamith Bereiter (ffm)
Olaf Berg (Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte; ffm/Hamburg)
Michael Blöck (Sozial-Gesundheitsvolkswirt und Poet)
Arne Böker (Cottbus)
Dr. Sonja Buckel (Kuratoriumssprecherin Institut Solidarische Moderne; ffm)
Daniel Daedlow, M. sc. agr. (Rostock)
David Dilmaghani (Philosoph; Doktorand Goethe-Universität)
Prof. Dr. Alex Demirović (Soziologe; ffm/Berlin)
Dr. Daniel Dornhofer (Anglist; Goethe-Universität)
Kai Dröge (Institut für Sozialforschung, ffm; Universität Lausanne; hslu Luzern)
Dr. Norbert Elb (Sexualwissenschaftler; Goethe-Universität)
Dr. Michael Elm (DAAD lecturer Ben-Gurion-University of the Negev; Tel Aviv)
Bettina Haug (Heilpädagogin; Cottbus)
Saskia Helbling (Neurowissenschaftlerin; Goethe-Universität)
Dr. Felicia Herrschaft (Soziologin/Kuratorin; Goethe-Universität; ffm)
Prof. Dr. Axel Honneth (Professor für Philosophie an der Goethe-Uni und Direktor des Instituts für Sozialforschung)
Simon Fischer (Insbruck)
Andreas Folkers (Soziologe; Goethe-Universität)
Dagmar Gabel, M.A. (Soziologin, ffm)
Benjamin Haas (Behindertenpädagoge; HU-Berlin/ffm)
Felix Haase Dipl. Pol. (Goethe-Universität, ffm)
Norman Hannappel (Student; Hamburg)
Florian Hastert (Student; Darmstadt)
Franziska Haug (Studentin; Goethe-Universität)
Katharina Heyn (Insbruck)
Philip Hogh, M.A. (Philosoph; Uni Oldenburg)
Lisa Holle (Studentin, Osnabrück)
Anna Hontschik (studentische Hilfskraft; ffm)
Dr. med. Bernd Hontschik (Chirurg; ffm)
Dr. des. Annabelle Hornung (Ausstellungskuratorin; ffm)
Kenneth Hujer (Philosophiestudent; Rom)
Bernd Hüttner (Politikwissenschaftler und Autor; Bremen)
Dr. Markus Joch (Germanist; Goethe-Universität)
Daehun Jung (Doktorand für Philosophie; Goethe-Universität)
Uta Kamuf (Studentin; London)
Emanuel Kapfinger (Geschäftsstellenleiter der Sigmund-Freud-Stiftung; ffm)
Alp Kayserilioglu (Student, freier Journalist; ffm)
Prof. Dr. Moritz Kerz (Mathematiker; Universität Regensburg)
Florian Kobuß (Student; Mainz)
Julia König (Erziehungswissenschaftlerin; Goethe-Universität)
Phillip Kossack (Angestellter; Bremervörde)
Anna Kumher (Studentin; Darmstadt)
Malte Kleinjung, M.A. (Germanist; Goethe-Universität)
Darja Klingenberg (Soziologin; Goethe-Universität)
Dirk Krecker (Künstler)
Elena Landeck (Studentin der Psychologie; Jena)
Prof. Dr. Phil C. Langer (Soziologe; Goethe-Universität)
Kristina Lepold (Doktorandin der Philosophie; Goethe-Universität)
Claudia Lerbs (Angestellte; ffm)
Rebecca Leudesdorff (Studentin; Offenbach am Main)
Marlon Lieber (studentische Hilfskraft; ffm)
Dr. Daniel Loick (Philosoph; Goethe-Universität)
Klaus Lorenz (Unternehmer; Bielefeld)
Dr. Christine Löw (ffm)
PD Dr. Boy Lüthje (Institut für Sozialforschung ffm/Honolulu/Guangzhou)
Danijel Majic (Journalist; ffm)
Elisabeth S. Maubach (Diplom-Philologin; ffm)
Dr. Christian Metz (Germanist; Goethe-Universität)
Shirin Moghaddari
(studentische Hilfskraft; ffm)
Lisa Müller (Studentin; Gießen)
Cavidan Mutlu (Erzieherin; ffm)
Marc Phillip Nogueira (Soziologie; Doktorand Goethe-Universität/IfS)
Sara Örtel (Theaterwissenschaftlerin (MA) / Regieassistentin; Göttingen)
Dr. Gottfried Oy (ffm)
Jürgen Pitzschel (Gastronom; Hamburg)
Carolin Pfeifer (Jugendbildungsreferentin; Erfurt)
Margit Rodrian-Pfennig, OStR i.H. (ffm)
Michal Plata (Designer; München)
Johannes Paul Raether (Künstler; Berlin)
Dr. Francesca Raimondi (Philosophin; Goethe-Universität)
Dr. Nadja Rakowitz (Soziologin; Goethe-Universität)
Prof. Dr. Juliane Rebentisch (Philosophin; HfG Offenbach)
Dr. Thomas Sablowski (Soziologe; ffm)
Alexander Schiller (Student; Hochschule Niederrhein Mönchengladbach)
Julia Schiltenwolf (Studentin; ffm)
Rafael Schincariol (Jura, Doktorand São Paulo Universität/Brasilien; Gastwissenschaftler am Institut für Sozialforschung, ffm)
Laurens Schlicht (Stipendiat der Fritz-Thyssen-Stiftung; Gotha)
Isabell Schreiber (ffm)
Benedikt Schulla (Mediengestalter; Aschaffenburg)
Susanne Schultz (Politikwissenschaftlerin; Berlin)
Jessica Sehrt (freie bildende Künstlerin, Musikerin, Autorin; FreeClass ffm)
Dr. Dirk Setton (Philosoph; Goethe-Universität)
Simon Speiser (Städelschüler; ffm)
Paul Stephan (studentische Hilfskraft an der Goethe-Uni und Autor)
Juljan Stürmer (Student; ffm)
Rebecca Ann Tess (Künstler; ffm)
Mathias Vatter (Künstler und Drucker; ffm)
Dr. Holger Kube Ventura (Direktor Frankfurter Kunstverein)
Frieder Vogelmann (Philosoph; Doktorand Goethe-Universität)
Martin Walter (Bibliotheksangestellter; Goethe-Universität)
Anna Weber (Sozialwissenschaftlerin; ffm/Berlin)
Tobias Weber (Schüler; Kleinblittersdorf)
Stefan Wedermann, cand. Dipl. Politologe (Goethe-Universität)
Anna Weirich (Romanistin; ffm/Chisinau [Republica Moldova])
Paul Wiersbinski (Dramenautor und Videokünstler; ffm)
Peter Wilhelm (Medizinstudent; Homburg)
Dr. Jens Wissel (Sozialwissenschaftler; ffm)
Florian Wolff (Student; Tübingen)
Paul Wünsch (Betreuer Lebenshilfe; ffm)
Corinna Zimmermann (Lehrerin; ffm)
Boris Zdravkovski (Physiotherapeut; ffm)

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